Religiöse Pluralität und psychosoziale Beziehungen von jungen Türkeistämmigen.
Eine kulturpsychologische Studie zu ethnischen, religiösen und politischen Dimensionen sozialer Differenzierung in verschiedenen Milieus.
Copyright: Aysel Tepeli
Fremdsein erleben Menschen nicht erst im Kontakt mit „exotischen“ Kulturen. Auch innerhalb „einer“ Kultur machen Subjekte Erfahrungen mit Eigenem und Fremden, welche interaktiv und kontextgebunden ausgehandelt werden. Kulturen sind binnendifferenziert, sie bestehen aus multiplen Gruppen, Subkulturen und sozialen Milieus, deren Akteure eigene spezifische Praktiken, Werthaltungen, Denk- und Handlungsmuster teilen, die Außenstehenden im milieuübergreifenden Kontakt zunächst fremd und „auf die Selbstverständlichkeiten des eigenen Milieus beschränkt“ bleiben (Nohl, 2001; vgl. Straub 2007 ).
Ein menschliches Subjekt gehört also nie bloß einer Kultur an, es ist stets Teil vieler (Sub-)Kulturen, Gruppen und Milieus. Dennoch werden Einzelne beispielsweise durch Nationalstaaten oder Religionen zu einem vermeintlichen Kollektiv subsumiert. Ihnen wird analog zur personalen Identität eine gemeinsame Identität unterstellt und damit unterliegen Kollektive ebenso spezifischen „Subjektpositionen“. So stellt das „muslimische Subjekt“ beispielsweise lediglich eine mögliche Subjektposition unter vielen anderen dar (vgl. Tezcan 2000).
Die größte Einwanderungsgruppe in Deutschland bilden Menschen aus der Türkei. Die homogene Wahrnehmung als „Migranten“ bzw. „Türken“ und „Muslime“ untergräbt die tatsächlich vorhandene kulturelle, ethnische, (minderheiten-) sprachliche und religiöse Binnendifferenzierung, Mehrfachzugehörigkeiten und milieubedingte Spezifika. Um einer solchen Vereinheitlichung entgegenzuwirken und mögliche, in der Migrationsforschung nahezu unberücksichtigten Konfliktpotentiale in den Blick zu nehmen, untersucht diese Dissertation aus kulturpsychologischer Perspektive Jugendliche und junge Erwachsene und ihr Selbstverständnis als Teil verschiedener religiöser, ethnischer Gruppierungen im Migrationskontext.
Jugend und Migration stellt für die Adoleszenten und ihre Elterngeneration eine strukturell "doppelte Transformationsanforderung" dar (King/Koller 2006), die in unterschiedlichen Familien und Milieus anders verarbeitet wird. In beiden Fällen handelt es sich also um Ablösüngsprozesse und Neuorientierungen, wie diese gelingen hängt aber maßgeblich auch mit den Ressourcen und Möglichkeiten der jeweiligen familiären Hintergründe zusammen. Kern dieser Untersuchung bilden ausgehend von diesen Überlegungen die psychosozialen Beziehungen im alevitisch-sunnitischen Kontext, denen eine gemeinsame (Verletzungs-) Geschichte (vgl. Straub 2014a&b) innewohnt. Da Sunnit*innen und Alevit*innen, ganz gleich ob dem Islam zugeordnet oder als eine eigenständige religiöse Gruppe verstanden, unterschiedliche religiöse und kulturelle Praktiken ausüben, ihr Status innerhalb der Türkei nicht gleichberechtigt ist und die Alevit*innen einer Reihe von Massakern ausgesetzt waren, die zur Geheimhaltungsstrategie (Takiye) ihrer Religion geführt haben, ist danach zu fragen, wie sich die historischen Verletzungen in Form gegenseitiger Vorurteile, Stereotypen und Stigmatisierung auf die Intergruppenbeziehungen und Identität von jungen Erwachsenen auswirken. Auch die Binnendifferenzierungen innerhalb dieser Religionsgemeinschaften sind zu berücksichtigen - nicht alle Menschen sind gleich religiös, oder binden religiöse Praktiken in ihren Alltag ein. Es herrschen also säkulare, kulturelle, religiöse wie nicht-religiöse Selbstverständnisse synchron nebeneinander bzw. können solche Orientierungen sich im Laufe einer Biographie auch wandeln. Menschen handeln zudem nicht stets gruppenkonform, sie können z.B. in der Phase der Jugend oder aber durch kreatives Handeln soziale Ordnungen in Frage stellen (vgl. Erikson 1970; Straub 1999). Ein weiteres Anliegen ist es also genau hinzuschauen und den Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht gleich religiöse Orientierungen zu unterstellen. Denn was religiös sein bedeutet wird vor dem Hintergrund einer säkularen, pluralisierten und individualisierten Gesellschaft und in Relation zu anderen Religionsgemeinschaften gedeutet und ausgehandelt.
Im Sinne einer Etablierten-Außenseiter-Figuration (vgl. Scotson/Elias 1990) wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich das historisch bedingte Machtgefälle zwischen den Gruppen durch die Migration reproduziert und transformiert und wie die jungen Erwachsenen mit bestimmten Stigmatisierungen umgehen (vgl. Goffman 1979). Infolgedessen geht es auf der einen Seite um die Beziehungen der Jugend selbst, auf der anderen Seite auch um die Relationen und Ausgestaltung des Verhältnisses zu der im familiären Binnenraum tradierten bzw. nicht tradierten religiösen Identität und Habitus. Die Relevanz meiner Untersuchung leitet sich auch aus der angespannten politischen Lage in der Türkei ab, deren Ausmaß in Deutschland nicht mehr zu übersehen ist. Aufgrund transnationaler Wechselbeziehungen zwischen Herkunftsland und Aufnahmeland nehmen politische Spannungen der Türkei auch Einfluss auf die in Deutschland lebenden Türkeistämmigen, sodass alte Konfliktlinien wieder an Bedeutung gewinnen können. Da Jugendliche und junge Erwachsene im Migrationskontext sozialisiert sind, gleichzeitig aber auch mit den Herkunftskulturen ihrer Eltern (mehr oder weniger) vertraut sind, ist ihre Perspektive für meine zentralen Forschungsfragen also von besonderer Bedeutung. In der Entwicklungsphase der Adoleszenz, die Erikson als "psychosoziales Moratorium" bezeichnet, müssen sich Jugendliche und junge Erwachsene mit den Fragen " Wer bin ich und wer möchte ich sein?" auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Ich- und Gruppenidentität ist immerzu ineinander verschränkt, die soziale Identität ist von der personalen Identität nicht zu trennen (vgl. Erikson 1970, 2015; vgl. Elias/Scotson 1990 ).
Meine zentrale Forschungsfrage lautet daher:
Wie gestalten sich die psychosozialen Beziehungen zwischen sunnitischen und alevitischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrem Alltag? In welchen situativen, alltäglichen und außeralltäglichen Kontexten werden ihre Zugehörigkeiten überhaupt bedeutsam für sie?
Und im Besonderen:
Methodisch wende ich sowohl Gruppendiskussionen als auch Einzelinterviewverfahren an. Die Interviews und Gruppendiskussionen werden mit der wissenssoziologisch fundierten relationalen Hermeneutik, die die Dokumentarische Methode nach Bohnsack u.a. erweitert und modifiziert hat, ausgewertet. Geht es der dokumentarischen Methode eher um kollektiv geteilte Wissensbestände und Erfahrungsräume, so nimmt die relationale Hermeneutik das Wechselverhältnis zwischen Subjekt und Kultur stärker in den Blick. Es wurden zunächst Einzelpersonen durch Gatekeeper (z.B. über Lehrer, Sozialarbeiter), durch Selbstauswahl (Flyer), über Bekannte und Organisationen (z.B. Alevitische Hochschulgruppe) angesprochen, die dann darum gebeten werden ihre Freunde/Bekannte zu einem Gespräch einzuladen. In der Selbstauswahl dieser so genannten (Real-)Gruppen dokumentieren sich schon einige ihrer Orientierungen, die in meine Analysen mit einbezogen werden können. Ich möchte mit meiner Dissertation dazu beitragen, der "deutschen" Öffentlichkeit sowie den Institutionen, die kulturelle und religiöse Vielfalt regulieren sollen, ein differenzierteres Bild von Türkeistämmigen zugänglich zu machen und dafür sensibilisieren die unterschiedlichen historischen und soziokulturellen Perspektiven von unterschiedlichen Einwanderungsgruppen sowie mögliche Konfliktpotentiale und Verletzungen ernst zu nehmen.
Ein menschliches Subjekt gehört also nie bloß einer Kultur an, es ist stets Teil vieler (Sub-)Kulturen, Gruppen und Milieus. Dennoch werden Einzelne beispielsweise durch Nationalstaaten oder Religionen zu einem vermeintlichen Kollektiv subsumiert. Ihnen wird analog zur personalen Identität eine gemeinsame Identität unterstellt und damit unterliegen Kollektive ebenso spezifischen „Subjektpositionen“. So stellt das „muslimische Subjekt“ beispielsweise lediglich eine mögliche Subjektposition unter vielen anderen dar (vgl. Tezcan 2000).
Die größte Einwanderungsgruppe in Deutschland bilden Menschen aus der Türkei. Die homogene Wahrnehmung als „Migranten“ bzw. „Türken“ und „Muslime“ untergräbt die tatsächlich vorhandene kulturelle, ethnische, (minderheiten-) sprachliche und religiöse Binnendifferenzierung, Mehrfachzugehörigkeiten und milieubedingte Spezifika. Um einer solchen Vereinheitlichung entgegenzuwirken und mögliche, in der Migrationsforschung nahezu unberücksichtigten Konfliktpotentiale in den Blick zu nehmen, untersucht diese Dissertation aus kulturpsychologischer Perspektive Jugendliche und junge Erwachsene und ihr Selbstverständnis als Teil verschiedener religiöser, ethnischer Gruppierungen im Migrationskontext.
Jugend und Migration stellt für die Adoleszenten und ihre Elterngeneration eine strukturell "doppelte Transformationsanforderung" dar (King/Koller 2006), die in unterschiedlichen Familien und Milieus anders verarbeitet wird. In beiden Fällen handelt es sich also um Ablösüngsprozesse und Neuorientierungen, wie diese gelingen hängt aber maßgeblich auch mit den Ressourcen und Möglichkeiten der jeweiligen familiären Hintergründe zusammen. Kern dieser Untersuchung bilden ausgehend von diesen Überlegungen die psychosozialen Beziehungen im alevitisch-sunnitischen Kontext, denen eine gemeinsame (Verletzungs-) Geschichte (vgl. Straub 2014a&b) innewohnt. Da Sunnit*innen und Alevit*innen, ganz gleich ob dem Islam zugeordnet oder als eine eigenständige religiöse Gruppe verstanden, unterschiedliche religiöse und kulturelle Praktiken ausüben, ihr Status innerhalb der Türkei nicht gleichberechtigt ist und die Alevit*innen einer Reihe von Massakern ausgesetzt waren, die zur Geheimhaltungsstrategie (Takiye) ihrer Religion geführt haben, ist danach zu fragen, wie sich die historischen Verletzungen in Form gegenseitiger Vorurteile, Stereotypen und Stigmatisierung auf die Intergruppenbeziehungen und Identität von jungen Erwachsenen auswirken. Auch die Binnendifferenzierungen innerhalb dieser Religionsgemeinschaften sind zu berücksichtigen - nicht alle Menschen sind gleich religiös, oder binden religiöse Praktiken in ihren Alltag ein. Es herrschen also säkulare, kulturelle, religiöse wie nicht-religiöse Selbstverständnisse synchron nebeneinander bzw. können solche Orientierungen sich im Laufe einer Biographie auch wandeln. Menschen handeln zudem nicht stets gruppenkonform, sie können z.B. in der Phase der Jugend oder aber durch kreatives Handeln soziale Ordnungen in Frage stellen (vgl. Erikson 1970; Straub 1999). Ein weiteres Anliegen ist es also genau hinzuschauen und den Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht gleich religiöse Orientierungen zu unterstellen. Denn was religiös sein bedeutet wird vor dem Hintergrund einer säkularen, pluralisierten und individualisierten Gesellschaft und in Relation zu anderen Religionsgemeinschaften gedeutet und ausgehandelt.
Im Sinne einer Etablierten-Außenseiter-Figuration (vgl. Scotson/Elias 1990) wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich das historisch bedingte Machtgefälle zwischen den Gruppen durch die Migration reproduziert und transformiert und wie die jungen Erwachsenen mit bestimmten Stigmatisierungen umgehen (vgl. Goffman 1979). Infolgedessen geht es auf der einen Seite um die Beziehungen der Jugend selbst, auf der anderen Seite auch um die Relationen und Ausgestaltung des Verhältnisses zu der im familiären Binnenraum tradierten bzw. nicht tradierten religiösen Identität und Habitus. Die Relevanz meiner Untersuchung leitet sich auch aus der angespannten politischen Lage in der Türkei ab, deren Ausmaß in Deutschland nicht mehr zu übersehen ist. Aufgrund transnationaler Wechselbeziehungen zwischen Herkunftsland und Aufnahmeland nehmen politische Spannungen der Türkei auch Einfluss auf die in Deutschland lebenden Türkeistämmigen, sodass alte Konfliktlinien wieder an Bedeutung gewinnen können. Da Jugendliche und junge Erwachsene im Migrationskontext sozialisiert sind, gleichzeitig aber auch mit den Herkunftskulturen ihrer Eltern (mehr oder weniger) vertraut sind, ist ihre Perspektive für meine zentralen Forschungsfragen also von besonderer Bedeutung. In der Entwicklungsphase der Adoleszenz, die Erikson als "psychosoziales Moratorium" bezeichnet, müssen sich Jugendliche und junge Erwachsene mit den Fragen " Wer bin ich und wer möchte ich sein?" auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Ich- und Gruppenidentität ist immerzu ineinander verschränkt, die soziale Identität ist von der personalen Identität nicht zu trennen (vgl. Erikson 1970, 2015; vgl. Elias/Scotson 1990 ).
Meine zentrale Forschungsfrage lautet daher:
Wie gestalten sich die psychosozialen Beziehungen zwischen sunnitischen und alevitischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrem Alltag? In welchen situativen, alltäglichen und außeralltäglichen Kontexten werden ihre Zugehörigkeiten überhaupt bedeutsam für sie?
Und im Besonderen:
- Inwiefern orientieren sich sunnitische und alevitische Jugendliche und junge Erwachsene in einer vergleichsweise säkularen, pluralistischen deutschen Gesellschaft an religiösen Werten und Normen? Welche Bedeutung haben diese Orientierungen für ihre jeweiligen Identitätskonstruktionen, ihre Interaktionen mit anderen und ihre Lebenspraxis im Alltag?
- Welche Bedeutung haben ethnische, politische und religiöse Grenzziehungen im sunnitisch-alevitischen Beziehungskontext und wie wirken diese auf ihre Identitätskonstruktionen, ihre Interaktionen und ihre Lebenspraxis im Alltag?
- Welche Bedeutung hat die Erinnerung an die gewaltvolle Geschichte im alevitisch-sunnitischen Kontext für die Beziehungen in der Gegenwart? Inwiefern unterscheiden sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hier von ihrer Elterngeneration?
- Welche (historisch bedingten) Vorurteile und Stereotypen bestehen nach wie vor auf beiden Seiten und wie gehen sie mit diesen im Vergleich zur Elterngeneration um?
Methodisch wende ich sowohl Gruppendiskussionen als auch Einzelinterviewverfahren an. Die Interviews und Gruppendiskussionen werden mit der wissenssoziologisch fundierten relationalen Hermeneutik, die die Dokumentarische Methode nach Bohnsack u.a. erweitert und modifiziert hat, ausgewertet. Geht es der dokumentarischen Methode eher um kollektiv geteilte Wissensbestände und Erfahrungsräume, so nimmt die relationale Hermeneutik das Wechselverhältnis zwischen Subjekt und Kultur stärker in den Blick. Es wurden zunächst Einzelpersonen durch Gatekeeper (z.B. über Lehrer, Sozialarbeiter), durch Selbstauswahl (Flyer), über Bekannte und Organisationen (z.B. Alevitische Hochschulgruppe) angesprochen, die dann darum gebeten werden ihre Freunde/Bekannte zu einem Gespräch einzuladen. In der Selbstauswahl dieser so genannten (Real-)Gruppen dokumentieren sich schon einige ihrer Orientierungen, die in meine Analysen mit einbezogen werden können. Ich möchte mit meiner Dissertation dazu beitragen, der "deutschen" Öffentlichkeit sowie den Institutionen, die kulturelle und religiöse Vielfalt regulieren sollen, ein differenzierteres Bild von Türkeistämmigen zugänglich zu machen und dafür sensibilisieren die unterschiedlichen historischen und soziokulturellen Perspektiven von unterschiedlichen Einwanderungsgruppen sowie mögliche Konfliktpotentiale und Verletzungen ernst zu nehmen.
Betreuer
- Erstbetreuer: Prof. Dr. Jürgen Straub
- Zweitbetreuer: Prof. Dr. Levent Tezcan